Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen

לא תשא את שם יהוה אלהיך לשוא
כי לא ינקה יהוה את אשר ישא את שמו לשוא
(Ex 20,7 = Dtn 5,11)

Das Gebot, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen, dürfte heutzutage das am wenigsten geachtete Gebot von allen sein. Bei den zehn Geboten denkt jeder zuerst an „Du sollst nicht töten“ und „Du sollst nicht ehebrechen“. Die ersten drei Gebote spielen im öffentlichen Diskurs, in dem die zehn Gebote als eine Art ethischer Grundkonsens herhalten müssen, ohnehin keine Rolle. Aber dass es darin irgendwie auch um Monotheismus und Bilderverbot geht, dürfte den meisten noch geläufig sein. Aber den Namen Gottes missbrauchen?

Es gab mal eine Zeit, da hat dieses Gebot dazu geführt, dass man den Namen Gottes gar nicht mehr aussprach, sondern statt dessen einfach von „dem Herrn“ oder „dem Namen“ gesprochen hat. Spätestens seit die Einheitsübersetzung zur Grundlage der liturgischen Texte der katholischen Kirche im deutschsprachigen Raum gemacht wurde, ist es damit vorbei. Nun muss man gerade in der Osterliturgie damit leben, dass der Name Gottes an allen unmöglichen Stellen ausgesprochen wird.

Die Vermeidung des Gottesnamens mag vielen als bloßes Ritual erscheinen. Aber die fehlende Achtung vor dem Namen Gottes im Gottesdienst korrespondiert mit einem zunehmenden Missbrauch im politischen Bereich.

Es ist fast unglaublich, was Politiker und fromme Gruppen meinen, alles im Namen Gottes vertreten zu müssen. Ich denke da vor allem an diejenigen, für die sich die zehn Gebote ohnehin auf ein einziges reduzieren lassen: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Der Prototyp dafür ist George W. Bush. Seine Berater konnten ihn zwar gerade noch daran hindern, weiter von einem „Kreuzzug“ gegen den Terror zu sprechen (womit er nur die Klischees in den Erklärungen Osama bin Ladens bestätigt hätte). Aber er hat keine Skrupel, einen völkerrechtswidrigen Krieg zu führen, Gefangene foltern zu lassen und gegen jedes nationale und internationale Recht fest zu halten, gezielte Falschinformationen zu verbreiten usw. – und das alles im Namen Gottes, “with God on his side”. Solange er die Familienwerte hochhält und keinen Ehebruch begeht, bleibt er für die “Moral Majority” trotzdem der einzig wählbare Präsident.

Diese Leute sprechen zwar den Namen Gottes nicht aus, aber mit ihrem zur Schau getragenen Bewusstsein, „Gott auf ihrer Seite zu haben“, missbrauchen sie den Namen Gottes tatsächlich, weil sie ihn auf etwas Wahnhaftes tragen: auf eine Ideologie, die man wohlwollend als extrem verkürzte Fassung christlicher Moralvorstellungen begreifen könnte, die aber im Endeffekt mit einem im Dekalog begründeten Ethos nur wenig zu tun hat.

Kategorien: Fundamentalismus, Theologie

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