Ariane Mnouchkines Molière in der Arte-Mediathek

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Molière (1978) Karneval
Der Karnevalszug wird blutig niedergeschlagen – Szene aus dem Film „Molière“ von Ariane Mnouchkine.

Noch bis zum 1. Juni 2022 ist in der Arte-Mediathek ein Film zusehen, der zu den großartigsten Filmen zählt, die ich in meinem Leben gesehen habe: der Film Molière von Ariane Mnouchkine, der Gründerin des Théâtre du Soleil. Der Film dauert über vier Stunden, aber diese vier Stunden lohnen sich.

Eine Schlüsselszene des Filmes ist die Begegnung Molières mit der Schauspielerin Madeleine Béjart, durch die er seine Begeisterung für das Theater entdeckt.

Der Film erzählt diese Begegnung (ab Minute 48) so: Molière studiert Jura in Orléans. Es ist die Zeit des Karnevals, aber der Adel verbietet alle Karnevalsumzüge wegen ihrer „Ausschweifungen und Zügellosigkeiten“. Das Verbot führt jedoch nur dazu, dass die Leute nun erst recht Karneval feiern und der Karnevalsumzug zum Protest gegen die absolutistische Herrschaft wird. Ein bunter Karnevalszug zieht durch die Stadt, dem die Ordnungshüter erst einmal hilflos gegenüberstehen. Die Steuereintreiber, die in die Stadt kommen, werden geteert, gefedert und in den Fluss geworfen. Dann aber rücken berittene Soldaten an und zerschlagen den Karnevalszug mit blutiger Gewalt.

Molière flüchtet sich mit einigen anderen in ein Theater, in dem Madeleine Béjart einen Monolog vorträgt (etwa ab Minute 70). In der deutschen Synchronisation lautet der Text wie folgt:

Wir haben nicht die blutigen Tage vergessen,
als der Tyrann nach seinem Ermessen
töten und foltern ließ ohne Gnade,
als das Volk erlitt seine Niederlage.
Anstatt den Mördern entgegenzutreten,
gab es Feiglinge, die um ihr Leben flehten.
Gerüchte liefen um in der Stadt,
wer das Massaker befohlen hat.
Die Wahrheit wurde erst viel später kund:
Es war der Tyrann, der Höllenhund.
Tränen wurden vergossen und Ströme von Blut.
Auch die tapferen Männer verloren den Mut.
Der Himmel barst von Wehgeschrei.
Doch weiter ging die Metzelei.
Die Frauen und Kinder, vor Angst wie von Sinnen,
konnten den Mordbuben nicht entrinnen.
Ihre Klagegesänge erfüllten die Straßen.
Dies sind Bilder, die wir nicht vergaßen.
Der Dolch ist geschliffen, der uns befreit
Wir wollen endlich Gerechtigkeit.
Durch die Straßen gellt ein einziger Schrei:
Nieder mit der Tyrannei!
Freiheit dem Volk und Tod dem Tyrannen!

Eine Stimme unterbricht sie:

Tod dir und denen, die das ersannen.
Du wirst mir dafür mit dem Leben büßen.

Madeleine entgegnet:

Ich werde den Tod als Freund begrüßen
und im danken, dass er mich von euch befreit.
Holt nur die Henker! Ich bin zum Sterben bereit.
Besser tot, als unter eurer Herrschaft zu leben.
Euch werden die Götter niemals vergeben.

Die deutsche Synchronisation ist eine sehr freie Wiedergabe des französischen Textes, die jedoch den pathetischen Charakter der Dramen jener Zeit recht gut wiedergibt.

Molière (1978) Madeleine Béjart

In der französischen Fassung ist der Text wörtlich aus dem Drama Der Tod Senecas des französischen Schriftstellers François Tristan L’Hermite übernommen,

Der Monolog stammt aus der 2. Szene des 2. Aktes:

341 Avons-nous oublié cet horrible spectacle
Où tout désir brutal s’accomplit sans obstacle,
Où toute violence et tout débordement
En plein jour s’exerça par son commandement ?

365 Que dans tous les quartiers le Peuple prit d’alarmes,
Et que l’on vit couler du sang mêlé de larmes !

358 On n’entendait partout que rumeurs effroyables,

363 Que le Ciel fut percé de lamentables cris
Dans ce pressant malheur dont nous fûmes surpris !

389 Les femmes, les enfants, à demi-morts de crainte,
Y faisaient retentir de longs accents de plainte,

407 Mais il est temps d’agir plutôt que de parler,
Nous avons des couteaux tous prêts pour l’immoler.

Der Rest stammt aus einem Dialog zwischen Sabine, der Frau Neros, und Epicharis, einer freigelassenen Sklavin, in der 3. Szene des 5. Aktes. Es ist im Original nicht Nero, sondern Sabina, die sagt:

1721 Quand tu n’aurais vomi que ce mot seulement,
Tu mourras de cent morts par mon commandement.

Epicharis entgegnet ihr:

1724 Menace-moi plutôt de vivre sous ton règne.
Aucun autre malheur ne me saurait troubler ;
Et c’est la seule peur qui me ferait trembler.

Historischen Quellen zufolge verdankt Madeleine Béjart ihre Reputation als große Schauspielerin tatsächlich der Rolle der Epicharis in diesem Stück. Der Film wählt genau diese Rolle aus, um die Figur der Madeleine Béjart einzuführen, und setzt sie in einen erzählerischen Rahmen, durch den der Text des klassischen Stücks wie ein Kommentar zu den zuvor erzählten Ereignissen, die blutige Niederschlagung des Karnevalszugs, wirkt.

Molière beeindruckt diese Theateraufführung so sehr, dass er – zum Entsetzen seines Vaters – beschließt, Schauspieler zu werden und sich dem Ensemble Madeleine Béjarts anzuschließen.

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Kategorien Film, Frankreich

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