Wie man mit reinen Mutmaßungen gegen überprüfbare Tatsachen argumentiert

Ich habe gerade ein Lob auf 10 Jahre Handwerksreform in der Süddeutschen Zeitung gelesen und mich gefragt, ob ich schon so voreingenommen bin oder ob in dem Artikel nicht tatsächlich alle überprüfbaren Daten, die genannt werden, gegen einen Erfolg der Handwerksreform sprechen und alle »Argumente«, die für einen Erfolg der Reform angeführt werden, auf reinen Mutmaßungen und Vorurteilen beruhen.

Als statistische Daten werden genannt:

  • Die Zahl der Beschäftigten im Handwerk ist um 400 000 gesunken. Der Artikel räumt selbst ein: »Das Ziel, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, wurde verfehlt.«
  • Gleichzeitig ist die Zahl der Betriebe um fast 160 000 gestiegen. Zusammen mit der ersten Zahl deutet das darauf hin, dass dieser Anstieg vor allem aus vielen solo-selbständigen Gesellen besteht, die nun die gleiche Arbeit machen wie vorher, nur ohne Sozialversicherung. Da dies ein Hauptargument der Gegner der Handwerks-Reform ist, hätte der Autor des Artikels doch irgendwie begründen müssen, warum das eine positive Entwicklung sein soll.
  • 50 000 dieser neuen »Betriebe« gehören Handwerkern aus Mittel- und Osteuropa. Diese Zahl ist aus meiner Sicht für sich genommen weder positiv noch negativ. Der Verdacht, dass diese mit Dumpingpreisen lokale Handwerksbetriebe aus dem Markt drängen, ist genauso eine Vermutung wie die Behauptung des Autors: »Während sich immer mehr Deutsche zu schade sind, sich im Job die Hände schmutzig zu machen, gibt es viele motivierte Polen, Tschechen und Ungarn, die sich noch fürs Handwerk begeistern.« Für so manchen Handwerksbetrieb, der gute Löhne zahlt und wegen der Billigkonkurrenz Aufträge verliert, dürfte diese Behauptung ziemlich zynisch klingen.

Was der Autor als »Argumente« für den Erfolg der Handwerksreform nennt, sind dagegen reine Mutmaßungen:

  • Die bereits genannte Gegenüberstellung von Deutschen, die sich zu schade sind, sich die Hände schmutzig zu machen, und hoch motivierten Polen, Tschechen und Ungarn ist ein klassisches Vorurteil. Statt der »faulen Griechen« sind es hier die »bequemen Deutschen«.
  • Die Behauptung, die Reform würde »gerade dem Qualitätsverfall … Vorschub« leisten, begründet der Autor mit einem bloßen Axiom: »Wer schlecht arbeitet, den entsorgt der Markt früher oder später von selbst.« Das gehört zwar für so manchen Markt-Apologeten zum Glaubensbekenntnis, ob dem wirklich so ist, wäre aber erst einmal empirisch nachzuweisen.
  • Die anderen Vorurteile, die der Artikel so streut (wie das vom Klempner, der kommt, »wann er lustig ist«), schrauben das Argumentationsniveau noch weiter nach unten.

Kategorien: Neoliberalismus

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