Finanzmarktkrise und Wirtschaftswissenschaften

Heute morgen habe ich einen Kommentar im Standard gelesen. Der Autor Christian Fleck beschwert sich über die Desinformation zur Griechenland-Krise in den Medien. Die meisten Stellungnahmen kommen von Experten aus der Finanzbranche, die ihre eigenen Interessen verfolgen und deshalb verdächtig sind. Wirtschaftswissenschaftler, die eine neutrale Position vertreten könnten, melden sich kaum zu Wort. Die einzige Information, die ihm glaubwürdig erscheint, ist der Artikel in der NZZ mit dem Titel Rettung von Banken als wahres Ziel.

Das Schweigen der Wirtschaftswissenschaftler könnte mit dem Versagen der Wirtschaftswissensschaften zusammenhängen, das der Artikel kritisiert, den ich heute Mittag im Zug gelesen habe: The Financial Crisis and the Systemic Failure of Academic Economics. Den neoklassischen Wirtschaftswissenschaften fehlen die Instrumente, um die regelmäßigen Finanzkrisen zu erklären und die Fragilität eines Finanzsystems zu bestimmen. Es fehlt ihnen eine empirische Grundlage, weil sie sich auf abstrakte Modellkonstruktionen beschränken, die wiederum auf zu vielen kontrafaktischen Annahmen basieren: ceteris-paribus-Klausel, rationale Erwartungen (also im Grunde die Annahme, dass die Akteure genauso denken wie die Wirtschaftswissenschaftler) etc. Die Empirie würde weder dazu genutzt, diese Modelle zu überprüfen, noch um aus den empirischen Daten realistischere Modellannahmen abzuleiten.

Dennoch lassen sich auch aus den in der Presse veröffentlichten Artikeln einige Erkenntnisse ableiten, die den Eindruck hinterlassen, dass die bisherigen politischen Entscheidungen unsinnig sind und die Krise nur noch verschärfen:

  • Nicht nur die NZZ behauptet, dass die Hilfen für Griechenland in erster Linie der Bankenrettung dienen.
  • Die Austeritätspolitik hat die Krise nur noch verschärft. Es ist nicht zu erwarten, dass eine weitere Verschärfung der Austerität nun aus der Krise führt. Möglicherweise liegt die schlechte Bewertung der Rating-Agenturen einfach nur daran, dass sie ebenfalls davon ausgehen, dass diese Art der Rettung nicht aus der Krise führt.
  • Erschreckend ist das national-egoistische Handeln der europäischen Regierungen. Irgendwie scheinen sie die Länder der Euro-Zone immer noch als Wettbewerber zu sehen, die sich gegenseitig unterbieten, anstatt die Euro-Zone als einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu verstehen, in dem alle aufeinander angewiesen sind.

Kategorien: Neoliberalismus, Umverteilung

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