Theorie der Unbildung

Ich lese gerade Konrad Paul Liessmanns »Theorie der Unbildung«. Das Buch hat zwar einen stark kulturpessimistischen Zug, aber es enthält eine Fülle anregender Gedanken. Möglicherweise macht gerade dieser konservative Zug, insbesondere das unbeirrte Festhalten am Humboldtschen Bildungsideal, den Reiz dieses Buches aus. Liessmann schert sich einfach nicht darum, dass es inzwischen völlig »out« ist, das Humboldtsche Bildungsideal und die humanistische Bildung im Sinne des Studiums der altgriechischen Sprache und der klassischen griechischen Kultur hochzuhalten. Er tut es einfach und begründet seine Position – im Unterschied zu den »Reformern«, die die Überholtheit dieser Konzepte als selbstverständlich voraussetzen.

Wissensgesellschaft oder Industrialisierung des Wissens

Besonders interessant ist das zweite Kapitel, in dem Liessmann die Frage stellt: »Was weiß die Wissensgesellschaft?« Darin kritisiert er zunächst, dass »lebenslanges Lernen« zum Selbstzweck geworden ist und das es gar nicht mehr um die Inhalte des Wissens geht, die ohnehin nur kurzlebig sind. Anschließend erläutert er jedoch, dass die aktuelle Entwicklung kaum in Richtung einer Wissensgesellschaft im emphatischen Sinne geht, sondern vor allem die Industrialisierung des Wissens betreibt.

Der »Wissensarbeiter« entpuppt sich als Phänotyp eines Wandels, der nicht dem Prinzip des Wissens, sondern dem der industriellen Arbeit gehorcht. Es ist nicht der Arbeiter, der zum Wissenden, sondern der Wissende, der zum Arbeiter wird. Wäre es anders, würde man Unternehmen in Universitäten und nicht Universitäten in Unternehmen verwandeln.

Einen Schwachpunkt hat die Argumentation jedoch: Obwohl Liessmann zu dem Schluss kommt, dass das Wissen den »Parametern einer kapitalistischen Ökonomie« unterworfen wird und nur von Bedeutung ist, insofern es »unmittelbar verwertet werden kann«, geht er nicht darauf ein, welche Bedeutung das Regime des so genannten »geistigen Eigentums« für die Wissensgesellschaft hat. Nur so kann er zu dem Schluss kommen, dass sich seit der frühen Neuzeit nichts grundlegend geändert hat. Das »geistige Eigentum« – insbesondere in der Form, die es heute hat – ist jedoch eine deutlich jüngere Entwicklung.

Was ist aus den linken Reformen geworden?

Während ich mich über die Umdeutung des Begriffs der »Reform« im Sinne der neoliberalen Ideologie ärgere, kritisiert Liessmann die Bildungsreformen der 60er/70er Jahre genauso wie die aktuellen Reformen. Im Grunde haben die emanzipatorisch gedachten »linken« Reformen die Industrialisierung und Ökonomisierung des Bildungssystems vorbereitet. Hier scheint etwas Ähnliches passiert zu sein wie bei der Liturgiereform in der Katholischen Kirche: eine emanzipatorische gedachte Reform wird für konservative Zwecke instrumentalisiert. Bei der Bildungsreform wird allerdings deutlich, dass die »linken« Reformpläne daran nicht unschuldig sind. Denn ihr technokratischer Charakter, der sich gut in die Ökonomisierung des Bildungssystems einfügt, kam nicht von außen, sondern war den Reformplänen von Anfang an immanent. Das beste Beispiel ist die technokratische Konzeption der Gesamtschule.

Was heißt humanistische Bildung?

Liessmann behauptet ganz naiv den Modellcharakter der klassischen griechischen Kultur – unbeirrt vom naheliegenden Vorwurf des Eurozentrismus. Dabei ignoriert er jedoch, dass zum humanistischen Bildungskanon nicht nur die griechische Sprache und Kultur, sondern auch die hebräische Sprache und das jüdisch-christliche Erbe dazu gehören (streng genommen auch lateinische Sprache und römische Kultur). Der humanistische Bildungskanon ist im Kern pluralistisch: Athen, Jerusalem und Rom stehen nicht nur für verschiedene Sprachen, sondern für verschiedene Kulturen, für verschiedene Modelle des Denkens, der politischen Ordnung und des gesellschaftlichen Lebens. Gerade in Bezug auf diese Pluralität kann sie ihr wichtigstes Ziel erreichen: Das Denken vor der bedingungslosen Unterwerfung unter den Zeitgeist zu bewahren.

Kategorien: Urheberrecht, Neoliberalismus

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