Was soll der Hype um das iPad?

Der inszenierte Hype um das iPad nervt nicht nur ungemein, er lässt mich auch irgendwie ratlos zurück. Warum machen so viele »Qualitäts«-Journalisten kostenlos Werbung für ein Gerät, dass sie noch nicht einmal selber ausprobieren konnten? Wo andere teure Werbekampagnen starten müssen, bekommt Apple die Werbung ganz umsonst. Machen Journalisten und Verlage sich so nicht überflüssig?

Eigentlich wollte ich mich dazu ja nicht äußern. Denn mein belangloser Kommentar würde dem Hype ja nur zuspielen. Aber nun habe ich doch noch einen wirklich glänzenden Artikel zum Thema entdeckt. Jörg Kantel, bekannt durch seinen Blog Schockwellenreiter, schreibt in der Online-Ausgabe der FAZ vom 3. November 2010: Das iPad ist nur eine Fernbedienung.

Das iPad ist also kein Computer im Sinne einer Universalmaschine mehr, sondern eine Abspielplattform für die Inhalte der Medienkonzerne. Das iPad macht aus dem Two-Way-Web wieder eine Einbahnstraße und zwar eine, für deren Nutzung gezahlt werden muss.

Das einzig Revolutionäre am iPad ist, dass es konsequent als Empfangsgerät für die Bezahlangebote von Apple konzipiert ist. Selbst um einen USB-Speicherstick anzuschließen, muss man erst noch eine Erweiterung kaufen. Deshalb ist das iPad vor allem ein Element in der Kommerzialisierung des Internets, in dem seit Mitte der 1990er Jahre tobenden Streit zwischen zwei Konzeptionen des Internets – in den Worten von Jörg Kantel:

Auf der einen Seite die, die das Internet als eine Erfüllung des nie eingelösten Versprechens der Brechtschen Radiotheorie sehen, als ein Medium, in dem jeder Empfänger auch gleichzeitig Sender sein kann. Der amerikanische Internetpionier Dave Winer etwa spricht vom „Two-Way-Web“, davon, dass das Web eine „Umgebung für Schreiber, nicht nur für Leser“ sei. Auf der anderen Seite sitzen die Vertreter der Unterhaltungskonzerne, für die das Netz nur ein weiterer Distributionskanal der klassischen Medien ist, angereichert um ein paar interaktive Spielereien.

Lawrence Lessig spricht vom Unterschied zwischen einer “RW = Read/Write” und einer “RO = Read Only Culture”.

Deshalb gibt es bei den Presseverlagen, die nun auf Werbeinnahmen verzichten und kostenlos für das iPad werben, immerhin auch ein Eigeninteresse. Denn das iPad bietet ihnen eine neue Möglichkeit, über das Internet Geld zu verdienen. Aber warum rührt auch das ZDF so kräftig die Werbetrommel für das iPad? Finanzieren wir mit unseren Rundfunkgebühren jetzt auch noch Werbung für Apple?

Ein anderer aktueller Streit gehört in den gleichen Kontext. Auch beim Streit um das Standardformat für eingebettete Videos in HTML 5 geht es um den Kampf zwischen diesen beiden Konzeptionen des Internet. H.264 mag Ogg Theora technisch überlegen sein, aber Firmen wie Microsoft und Apple würden Ogg Theora auch dann nicht unterstützen, wenn es technologisch gleichwertig oder sogar überlegen wäre – eben deshalb, weil dieser freie Codec nicht zu ihrem Geschäftsmodell passt. Und auch Google hat nur die Kunst zur Perfektion getrieben, über Crowd-Sourcing die kostenlos zur Verfügung gestellte Kreativität ihrer Nutzer zur Generierung von Werbeeinnahmen zu nutzen. Ihnen allen spielt ein durch Patente geschützter Standard in die Hände.

Auch wenn so mancher Apple-Fan nun Free-Software-Browser, die schon aus rechtlichen Gründen H.264 nicht »out of the box« unterstützen können, für »uncool« erklärt So cool möchte ich gar nicht sein.

Kategorien: Offene Standards

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