Diese Woche in der Zeit

Eigentlich habe ich mein Zeit-Abo nicht nur deshalb zum Jahresende gekündigt, weil ich kaum noch dazu komme, sie zu lesen, sondern auch deshalb, weil ich in letzter Zeit immer öfter einfach abgrundtief schlechte Artikel darin gelesen habe.

Diese Woche ist es anders. Gleich beim ersten Durchblättern habe ich eine Reihe lesenswerter Artikel entdeckt:

  • Im Wirtschaftsteil erläutert Heike Buchter, wie es die großen Banken in den USA geschafft haben, eine strenge Kontrolle über den Handel mit Derivaten zu verhindern (»Die Wall Street siegt« auf S. 27, anscheinend nicht online). Ein Trick, den große Unternehmen immer wieder erfolgreich einsetzen, besteht darin, Kunden (die von dem Unternehmen abhängig sind) unter Druck zu setzen, sich für die Interessen des Unternehmens stark zu machen. Plötzlich treten nicht nur die üblichen Lobbygruppen gegen eine Regulierung des Derivaten-Handels ein, sondern auch scheinbar unverdächtige mittelständische Unternehmen.
  • Ebenfalls im Wirtschaftsteil kritisiert der Präsident des Bitkom die hektische und chaotische Trial-and-Error-Politik in Bezug auf die Regulierung des Internets (auf S. 33, anscheinend auch nicht online). Es tut gut, in einer Zeitung, in der ausgerechnet die fest angestellten Redakteure gerne die Mär vom Internet als »rechtsfreien Raum« vertreten, zu lesen, dass das Problem eher darin besteht, dass das Internet in Deutschland »in weiten Bereichen überreguliert« ist.
  • In der Rubrik Wissen gibt es ein Interview mit Lars Fischer, dem Initiator der Onlinepetititon für den freien Zugang zu den Ergebnissen öffentlich finanzierter Forschung (Open Access). Da hätte ich mir zwar gewünscht, dass er die zum Teil schiefen Fragen zurecht rückt (so ist beispielsweise eine Peer-Review bei Open-Access-Zeitschriften viel verbreiteter als bei klassischen deutschen Wissenschaftszeitschriften). Aber wahrscheinlich ist es taktisch geschickter so etwas einfach zu ignorieren und davon unbeirrt sachlich zu antworten. Auch hier hat sich die Redaktion der Zeit im Anschluss an den Heidelberger Appell noch an den wilden Polemiken gegen Open Access beteiligt.
  • Im Feuilleton schließlich vertritt Boris Groys die These, dass vom Sozialstaat am meisten die Reichen profitieren (auf S. 56, inzwischen auch online). Die Schlussfolgerung macht mir zwar eher Angst, aber der Artikel enthält ein Reihe anregender und guter Argumente, z. B. die Beobachtung, dass zu den Superreichen nicht nur Öl-Magnaten gehören, sondern die Besitzer von Einzelhandels-Ketten wie Aldi und Ikea, die mit Billigware reich geworden sind, weil der Sozialstaat dafür sorgt, dass es genügend Leute gibt, die sich solche Billigware gerade noch leisten können. Interessant auch die folgende Überlegung:

Die kumulative Kaufkraft der Mittelschicht ist viel niedriger als die kumulative Kaufkraft der unteren Einkommensstufen. Damit sind alle Ansprüche, in einem Café zu sitzen und Proust zu lesen, statt auf einem großformatigen Bildschirm inmitten einer großen Menschenmenge Fußball anzuschauen, automatisch erledigt. Diese Ansprüche gelten inzwischen übrigens nicht nur als ökonomisch unerfüllbar, sondern auch als moralisch verdächtig, arrogant, dekadent und sogar unmenschlich.

Kategorien: Open Access, Umverteilung

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