Die »fünfte Freiheit«

Auf dem Frühjahrsgipfel der Europäischen Union wurde in diesem Jahr unter anderem über eine »fünfte Freiheit« gesprochen, die der Europäischen Union zugrunde liegen soll: den freien Austausch von Wissen. In erster Linie scheint damit nur eine besondere Form der Bewegungsfreiheit von Arbeitnehmern gemeint zu sein, eben die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Zumindest beziehen sich die meisten Punkte in der Abschlusserklärung auf diesen Aspekt.

8. In order to become a truly modern and competitive economy, and building on the work carried out on the future of science and technology and on the modernisation of universities, Member States and the EU must remove barriers to the free movement of knowledge by creating a “fifth freedom” based on:
– enhancing the cross-border mobility of researchers, as well as students, scientists, and university teaching staff,
– making the labour market for European researchers more open and competitive, providing better career structures, transparency and family-friendliness,
– further implementing higher education reforms …
(European Council conclusions, S. 5f.)

Faktisch dürfte die so verstanden »fünfte Freiheit« auf eine Ausweitung des Bologna-Prozesses hinauslaufen, was für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erst einmal nur eine Zunahme der Bürokratie bedeuten würde.

Freier Austausch von Wissen bedeutet jedoch viel mehr. Es bedeutet auch, den Zugang zum Wissen und den Austausch von Forschungsergebnissen zu erleichtern. Das schließt vor allem eine kohärente Open-Access-Strategie ein. Immerhin geht die Erklärung des Frühjahrsgipfels auch darauf ein:

– encouraging open access to knowledge and open innovation …
(European Council conclusions, S. 6)

Ich bin allerdings skeptisch, ob die anwesenden Delegationen die Tragweite dieser Forderung verstanden haben.

Die aktuelle Entwicklung im Hinblick auf den freien Austausch von Wissen ist durch einander widersprechende Tendenzen geprägt. Auf der einen Seite erweitert die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien die Möglichkeiten des zeitnahen und preiswerten Austausches wissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Auf der anderen Seite hat sich der Zugang zu wissenschaftlichen Forschungsergebnissen in den letzten Jahren erheblich verteuert. Ein besonders deutliches Beispiel ist der Preisanstieg bei wissenschaftlichen Zeitschriften. Inzwischen kostet die digitale Kopie eines einzelnen Aufsatzes fast so viel wie vor wenigen Jahren noch der gesamte gedruckte Jahrgang einer Zeitschrift. Diese Entwicklung ist mit einem doppelten Dilemma verbunden. Denn es steigen nicht nur die Einzelpreise wissenschaftlicher Veröffentlichung, sondern auch deren Anzahl. Um sich auf dem Laufenden zu halten, müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer mehr Veröffentlichungen zu immer höheren Einzelpreisen erwerben. Gleichzeitig haben Bibliotheken und Institute (zumindest in Deutschland) kaum mehr, zum Teil sogar eher weniger Geld für die Anschaffung von Literatur zur Verfügung. Eine nur halbwegs vollständige Ausstattung mit aktueller Forschungsliteratur können sich immer weniger Institutionen leisten. Wegen der dadurch sinkenden Verkaufszahlen wird jedoch auch die Herausgabe wissenschaftlicher Literatur weniger profitabel. Die Verlage versuchen dies dadurch auszugleichen, dass sie einerseits die Verkaufspreise weiter erhöhen (was aufgrund geringer Auflagen zwar nachvollziehbar ist, aber dazu führt, dass Institute und Bibliotheken noch weniger Exemplare kaufen), andererseits Kosten auf die Autorinnen und Autoren übertragen, nicht nur in Form von Druckkostenzuschüssen, sondern auch durch die Übertragung von Aufgaben wie druckfertige Layouts und Lektorat, die früher von den Verlagen wahrgenommen wurden. Auch dies belastet die Ressourcen der wissenschaftlichen Einrichtungen, die damit noch weniger Geld für den Erwerb wissenschaftlicher Literatur zur Verfügung haben.

Die Kosten für die wissenschaftliche Forschung selber können durch den Verkauf wissenschaftlicher Publikationen ohnehin nicht finanziert werden. Von daher liegt das Prinzip des Open Access für öffentlich finanzierte Forschung nahe. Was mit öffentlichen Mitteln finanziert wurde, sollte auch öffentlich zugänglich sein. Ein denkbarer Einwand wäre, dass die für Open Access notwendige Infrastruktur auch Geld kostet. Allerdings steht die für reine Online-Veröffentlichungen erforderliche Infrastruktur zu einem großen Teil bereits zur Verfügung. Für gedruckte Werke bieten sich Print-On-Demand-Modelle an. Die Qualität von Print-on-Demand-Büchern unterscheidet sich inzwischen kaum noch von den Erzeugnissen renommierter Wissenschaftsverlage, die in der Regel von Laien mit Hilfe herkömmlicher Textverarbeitung gesetzt wurden. (Abgesehen davon setzen inzwischen auch renommierte Wissenschaftsverlage wie der Campus-Verlag das Print-on-Demand-Modell ein.) Durch ein dezentrales System, bei dem jede Druckerei das Recht hat, eine Druckausgabe herzustellen, ließen sich außerdem Versand- und Transportkosten sparen.

Dem Verlagswesen bliebe das Volumengeschäft, also der Teil wissenschaftlicher Publikationen, der noch hohe Auflagen erzielt, bei denen sich economies of scale auswirken, also Lehrbücher, Klassiker, Nachschlagewerke usw. Das wäre genau der Bereich, der für die Verlage auch jetzt schon am profitabelsten ist. Für wissenschaftliche Literatur mit geringen Auflagen (Forschungsberichte, Einzelstudien, Dissertationen) hat das traditionelle Geschäftsmodell wissenschaftlicher Verlage keine Zukunft. Es ist ineffektiv und erhöht die Kosten für alle Beteiligten. Eine konsequente Open-Access-Strategie würde die Verlage dazu herausfordern, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Sie müssten dann unter Beweis stellen, was sie immer behaupten: dass sie die Versorgung mit wissenschaftlicher Literatur effektiver und kostengünstiger gewährleisten können als eine öffentlich finanzierte Open-Access-Infrastruktur.

Die Abschlusserklärung des Frühjahrsgipfels spricht noch einen weiteren Aspekt des freien Austausch von Wissen an: den Transfer von öffentlich geförderten Forschungsergebnissen in die private Wirtschaft:

– facilitating and promoting the optimal use of intellectual property created in public research organisations so as to increase knowledge transfer to industry, in particular through an “IP Charter” to be adopted before the end of the year,
(European Council conclusions, S. 6)

Was kann man sich unter dieser “IP Charter” vorstellen? Da helfen mir auch die Bemerkungen des slowenischen Ministers Žiga Turk nicht weiter, der diesen Punkt mit dem Open-Access-Gedanken zusammenzieht.

Der Name “IP Charter” und die bisherigen Entwicklungen zu den Immaterialgüterrechten auf europäischer Ebene lassen das Schlimmste befürchten. Aber dass diese Form des Wissenstransfers überhaupt als Problem erkannt wird, eröffnet die Chance, es in anderer Weise zu lösen als mit der üblichen Verschärfung »geistiger Eigentumsrechte«. Denn es muss gewährleistet werden, dass der Wissenstransfer möglichst einfach und kostengünstig ist, aber trotzdem nicht dazu führt, dass private Unternehmen Forschungsaktivitäten auf öffentliche Institutionen verlagern bzw. öffentlich finanzierte Forschung für private Profite ausnutzen.

Kategorien: Europa, Open Access

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