DIN sagt »Ja« zu OOXML

Wie Heise Online, Golem.de und andere mit Verweis auf Andy Updegrove berichten, hat der zuständige Lenkungsausschuss des DIN der ISO-Standardisierung von Microsofts Dateiformat OOXML zugestimmt.

Dem Bericht von Andy Updegrove zufolge hat es bei der Abstimmung einige Seltsamkeiten gegeben:

Germany is voting “YES” on DIS 29500 at ISO. The relevant committee was given by DIN only the choice between “YES” and “ABSTAIN” on DIS 29500, since changing from “YES with comments” in September 2007 to “NO” in March 2008 was deemed impossible. Everyone could vote “yes”, “abstain” or “no” on the question whether Germany should vote “YES” or “ABSTAIN” on DIS 29500.
8 votes were in favour of “YES”, 6 were in favour of “ABSTAIN”, some pointing out that they would have preferred to vote an outright “NO”. 4 voted “abstain to the DIN vote”, i.e. on the vote between “YES” and “ABSTAIN” to ISO. 2 of the 4 had initially voted for a German “ABSTAIN”, but under pressure changed within 48 hours their vote from a German “ABSTAIN” to “abstain to the DIN vote”; one of the 4 was compelled by instruction to vote “abstain to the DIN vote”, even though he wanted to vote at least “ABSTAIN”. That means: without very strong pressure from Microsoft Germany would have voted “ABSTAIN”, with 9 to 8.

Wie der Leiter des DIN-Ausschusses, Dr. Stefan Weisgerber, auf die Idee gekommen ist, dass ein »Nein« Deutschlands gar nicht mehr zur Wahl steht, weiß wohl nur er allein. Laut Heise-Newsticker war aus dem technischen Ausschuss »zu vernehmen, dass im Steuerungsausschuss die Möglichkeit zum Abstimmen mit ›Nein‹ zu OOXML als ›nicht notwendig‹ angesehen worden sei.«

Sollten diese Berichte stimmen, hat sich das DIN endgültig lächerlich gemacht. Man darf gespannt sein, ob die Untersuchungen der Europäischen Kommission zu Microsofts Einfluss auf das ISO-Standardisierungsverfahren von OOXML auch die Vorgänge im DIN-Ausschuss unter die Lupe nehmen wird.

Auch inhaltlich erscheint mir diese Entscheidung des DIN sehr befremdlich. Zugegeben, mir fehlt die Zeit, die 6000 Seiten lange Spezifikation von OOXML durchzulesen. Aber ich habe mir die Zeit genommen, die 37 Seiten an Kommentaren durchzulesen, die die Arbeitsgruppe des DIN im letzten September bei der ISO eingereicht hat. Weil das DIN der Standardisierung schon damals zugestimmt hat, bin ich davon ausgegangen, dass diese Kommentare eher wohlwollend, zumindest aber nicht durch Vorurteile gegen Microsoft beeinflusst sind.

Umso erstaunter war ich, dass diese Kommentare des DIN die grundsätzlichen Bedenken der OOXML-Kritiker bestätigen. Die technischen Kommentare lassen sich in folgende Gruppen zusammenfassen:

  • Die Spezifikation ist nicht betriebssystemunabhängig, sondern enthält Elemente, die so nur unter Microsoft Windows funktionieren.

The allowed values of this enumeration, EMF, WMF, etc., are Windows-specific formats. No allowance seems to have been made for use by other operating systems.

The described algorithms make use of byte-level manipulations which depend on the machine architecture (big endian versus little endian).

  • OOXML ist nicht anwendungsunabhängig, sondern bezieht sich auf spezielle Microsoft-Software wie den Internet Explorer.

The restriction to only two date bases is arbitrary and based only on one vendor’s applications.

This feature has been defined in a way which ignores the existence of current browsers other than Internet Explorer.

  • Die Spezifikation missachtet bestehende Standards und setzt dafür auf Microsoft-spezifische Techniken.

The proposed date and time system makes no reference to ISO 8601, and is markedly different from it.

This is the specification of Office Open Math Markup Language, a specialized XML vocabulary for the describing the layout of mathematical equations. This solves the same problem as MathML, a long-established W3C standard and an ongoing activity in the W3C.

More than 10% of the examples shown in the spezification are not proper XML.

  • OOXML ist unzureichend internationalisiert.

The formatting system described here is not comprehensive, lacking, for example, support for Armenian, Tamil, Greek alphabetic, Ethiopic and Khmer numerations, all in use today, as well as the various historical systems still used by scholars.

  • Die Spezifikation ist unvollständig und inkonsistent.

The proposed date system does not cope with dates anterior to 1900-01-01.

The standard contains insufficient detail on how to replicate this behavior. For e.g. “autoSpaceLikeWord95”,

The results as displayed in this table contradict the definition of LISTNUM as specified page 1542 line 12 (neither ‘a’ nor ‘iii’ are numbers).

  • Einige Teile der Spezifikation werden als “deprecated” gekennzeichnet, was bei einer neuen Spezifikation aber keinen Sinn macht.

OOXML states that VML should be considered as deprecated. A new standard should not contain deprecated parts.

Ich gestehe, dass es für mich als Laie schwer verständlich ist, wie eine Spezifikation, die betriebsystem- und anwendungsspezifische Elemente enthält, bestehende Standards missachtet und noch dazu unvollständig und inkonsistent ist, als internationaler Standard geeignet sein soll.

Nachtrag

Inzwischen gibt es auch eine Pressemitteilung des DIN, die das Vorgehen rechtfertigt:

Am 27. März 2007 hatten also die stimmberechtigten Mitglieder des NIA-Lenkungsgremiums nicht über die Annahme oder Nicht-Annahme der ISO/IEC DIS 29500 als Norm abzustimmen, sondern über die Regelgerechtheit oder Regelwidrigkeit des Prozessablaufes. Mit einer Mehrheit von 7 zu 6 Stimmen bei 7 Enthaltungen hat das Lenkungsgremium den Prozessablauf als regelgerecht anerkannt und damit keinen Grund gesehen, das Ja-Votum des Arbeitsausschusses aufzuheben. Wenn die Mehrheit des Lenkungsgremiums der Überzeugung gewesen wäre, dass der Prozess der Bearbeitung und der Abstimmung über ISO/IEC DIS 29500 regelwidrig verlaufen sei, dann wäre das deutsche Votum bei der ISO/IEC-Abstimmung auf Enthaltung geändert worden.

Die Darstellung der von Andy Updegrove zitierten Quelle ist also nicht grundsätzlich falsch, wenn auch sehr polemisch (und mit einer kleinen Ungenauigkeit in Bezug auf die Zahlen). Das Lenkungsgremium konnte tatsächlich nur darüber abstimmen, ob Deutschland in der ISO-Abstimmung für DIS 29500 stimmt oder sich enthält. Die Pressemitteilung macht allerdings die Motivation hinter diesem Verfahren deutlich.

Aus meiner Sicht wäre es jedoch konsequent gewesen, in dem Fall, dass das Lenkungsgremium die Regelwidrigkeit des Standardisierungsverfahrens festgestellt hätte, DIS 29500 abzulehnen.

Auf die inhaltlichen Einwände gegen die Entscheidung pro OOXML geht die Pressemitteilung nicht ein. Die Entscheidung, ein Format, das herstellerabhängig, unvollständig und inkonsistent ist und sich über wohl etablierte Standards hinwegsetzt, als internationalen Standard anzuerkennen, bleibt für mich aber auch dann unverständlich, wenn sie formal korrekt gefallen ist.

Nachtrag 29. März 2008

Inzwischen hat Andy Updegrove seinen Artikel zur Abstimmung im DIN-Lenkungsgremium aktualisiert. Nach der offiziellen Pressemitteilung des DIN hat Andy Updegrove seine Gewährsperson gebeten, die Abstimmung noch etwas ausführlicher darzustellen. Diesen Bericht hat er nun in seinem Artikel ergänzt.

Der Bericht ist nicht nur ausführlicher, sondern auch sachlicher als der erste. Die Vorwürfe bestehen darin, dass

  • der technische Ausschuss in der klaren Mehrheit mit “pro-OOXML guys, like MS gold partners” besetzt war,
  • das Abstimmungsverfahren im Lenkungsgremium so gestaltet war, dass es nicht möglich war, gegen eine Zustimmung zu DIS 29500 zu stimmen, ohne die Kompetenz des Leiters des technischen Ausschusses infrage zu stellen,
  • ein Beschluss, dass das Standardisierungsverfahren regelwidrig abgelaufen sei, nur zu einer Enthaltung Deutschlands geführt hätte, und
  • dass der Leiter des DIN-Gremiums sich in einer solch strittigen Frage nicht enthalten, sondern mit seiner Stimme den Ausschlag gegeben hat.

Kategorien: Unternehmen, Offene Standards

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